Der Originaltext erschien in der «NZZ» vom 6. Oktober 2008.
Zwei Pionierinnen der Pflegewissenschaft
Zum Tod von Elisabeth Waser und Franziska Bremi
Von Ruth Oehninger*
Kurz nacheinander sind diesen Spätsommer Elisabeth Waser und Franziska Bremi gestorben. Diese beiden initiativen Berufsfrauen haben als Direktorinnen der Krankenpflegeschule Zürich die Professionalisierung der Pflegefachpersonen entscheidend geprägt.
Elisabeth Waser (geb. 1920) und Franziska Bremi (geb. 1926) waren die ersten zwei Direktorinnen der Krankenpflegeschule Zürich: Elisabeth Waser als Oberin beziehungsweise Schulleiterin von 1967 bis 1981 und - in der zeitgemässer bezeichneten Funktion der Schuldirektorin - Franziska Bremi von 1982 bis 1988. Konsequente Modernisierung ist die treffende Zusammenfassung der Tätigkeit von Elisabeth Waser in der Gesundheits- und Krankenpflege.
Bahnbrechende neue Pflegeausbildung
Weltoffen und aufgeschlossen erneuerte sie die Ausbildungsbedingungen der Pflegefachpersonen (damals noch Krankenschwestern) an der Schweizerischen Pflegerinnenschule und führte diese aus einer fast klösterlichen Hausatmosphäre über in eine moderne Ausbildung. 1970 erreichte sie die Anfrage der Stadt Zürich, zusätzlich die Interimsleitung der Städtischen Schwestern- und Krankenpflegerschule Zürich am Triemlispital zu übernehmen. Der Erfolg dieses Experimentes einer Public Private Partnership führte 1976 unter der Ägide von Stadträtin Regula Pestalozzi zur Gründung des Vereins Krankenpflegeschule Zürich. Beide Partner brachten ihre Aktiva in die Trägerschaft des neuen Schulvereins ein: die Schweizerische Pflegerinnenschule das über Jahrzehnte entwickelte professionelle Know-how in der Berufsausbildung von Pflegefachpersonen und die Stadt Zürich die zwei grossen Stadtspitäler Waid und Triemli mit hohem Bedarf an qualifizierten Pflegefachpersonen und dem Vorteil öffentlichrechtlicher Arbeitsbedingungen. Aus der reflexiven Distanz dreier Jahrzehnte lässt sich in dieser Zusammenlegung ein erstes Vorzeichen der gegenwärtigen Restrukturierung der Schulen im Gesundheitswesen des Kantons Zürich erkennen.
Ebenfalls in die Schweizerische Pflegerinnenschule zurück führen die Wurzeln der 1973 gestarteten Ausbildung in integrierter Krankenpflege (IKP), an deren Entwicklung und Einführung Elisabeth Waser und Franziska Bremi, damals Lehrerin an der «Pflegi», beteiligt waren. Die vierjährige IKP-Diplomausbildung richtete sich an Bewerberinnen mit abgeschlossener Mittelschule und führte zu einem vom Schweizerischen Roten Kreuz anerkannten Doppeldiplom in Allgemeiner und in Kinder-, Wochen- und Säuglingspflege (AKP und KWS). Wegweisend waren verschiedene Elemente der IKP-Ausbildung: die Aufnahmebedingungen, die fachliche Vielfalt und Breite der Grundausbildung, die Lehr- und Lernformen sowie deren Einfluss auf eine neue Berufsidentität. Im Gegensatz zu den nach den medizinischen Spezialgebieten geordneten Pflegeausbildungen, wie Psychiatriepflege oder Kinder-, Wochen- und Säuglingspflege, umfasste dieser neue Lehrgang ein Grundverständnis der Pflege für Bedürfnisse der kranken oder behinderten Menschen in allen Lebensaltern, seien sie Erwachsene, Kinder oder Säuglinge, und für Menschen in speziellen Lebensphasen wie die Wöchnerinnen oder die Hochbetagten. Das Bildungskonzept basierte auf der Selbststeuerung des Lern- und Entwicklungsprozesses von Erwachsenen und verlangte hohe Eigenaktivität der Studierenden. Diese für die Schweiz bahnbrechende Pflegeausbildung stiess im In- und Ausland auf Interesse und beeinflusste in den 1990er Jahren die schweizerische Reform der Pflegeausbildungen mit der Neudefinition des Berufes.
Schwerpunkt Interdisziplinarität
Die Krankenpflegeschule Zürich gab in den Direktionsjahren von Elisabeth Waser und Franziska Bremi mit der IKP-Ausbildung eine Antwort auf die sich abzeichnende zunehmende Komplexität des Gesundheitswesens und bereitete die Pflegefachpersonen auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit vor. Einige IKP-Absolventinnen und mit ihnen Diplomierte anderer Ausbildungen bildeten sich in der Schweiz für Führungs-, Forschungs- und Entwicklungsaufgaben weiter oder studierten Pflegewissenschaften im Ausland. Insofern ist das Studium der Pflegewissenschaft an der Fachhochschule Gesundheit sowie an der Universität Basel nur eine nächste, folgerichtige Weiterentwicklung der Pflegeausbildung und der Integration dieses immer noch typischen Frauenberufes ins schweizerische Bildungssystem. Deshalb sind wir den beiden Pionierinnen der Pflegeausbildung in Zürich, Elisabeth Waser und Franziska Bremi, zu grossem Dank verpflichtet, weil sie durch ihr fachliches Engagement und ihre Leadership die Bildung und Entwicklung einer eigenständigen und kompetenten Pflege entscheidend vorangebracht haben.
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